Vorsorgeuntersuchung für Kinder

Im Durchschnitt hat fast jedes fünfte Kind im Alter von 4 Jahren eine unerkannte Sehstörung. Dieser hohe Anteil ist nicht erstaunlich, denn im Gegensatz zu Krankheiten gibt es bei Sehstörungen keine äußerlich erkennbaren Symptome.

Die Untersuchung von Kleinkindern und Kindern ist ein schwieriges Thema:
Zum Einen können sie sich nicht so klar artikulieren, also ihre Beschwerden genau beschreiben. Wenn sie überhaupt schon reden können, fehlt ihnen häufig der Wortschatz um ihre Empfindungen präzise zu vermitteln. Weiterhin neigen sie in einem bestimmten Alter dazu ihre Beschwerden phantasievoll auszumalen. Manch besorgte Mutter kommt dann in die Praxis und ist besorgt, was bei ihrem Kind so los ist. Doch bei genauer Untersuchung handelt es sich oftmals um einen Normalbefund.

Zum Anderen ist die Mitarbeit alters- oder emotional bedingt häufig sehr eingeschränkt bzw. schwankend.

Unter anderem aus diesen Gründen besteht gerade bei Kindern die Gefahr Dinge zu übersehen, die für die weitere Entwicklung der Augen und des Sehssystems von besonderer Bedeutung sind.

Auch wenn das Sehsystem bei Neugeborenen organisch komplett ist, wird doch das Sehen erst gelernt und Störungen können in einer dauerhaften Sehschwäche (Amblyopie, s.u.) enden. Ein Beispiel ist die Sehschärfe. Eine volle Sehschärfe wird als 1,0 oder laienhaft auch als 100% bezeichnet. Beim Neugeborenen beträgt die Sehschärfe 0,01 und bis zum Alter von 12 Monaten steigt sie auf 0,2-0,3. Bei einzelnen Zeichen erreicht die Sehschärfe bei 4-5-jährigen Kindern 1,0. Bei schwierigen Sehzeichen in Reihenanordnung wird 1,0 erst mit 9-10 Jahren erreicht. Das Sehvermögen besteht aber noch aus mehr Komponenten als der reinen Sehschärfe. Auch das räumliche Sehen (3D-Sehen) z.B. will erlernt sein.
Damit diese Entwicklung ungestört verläuft, müssen Erkrankungen rechtzeitig erkannt und ggf. behandelt werden.

Neben den allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen (U1 bis ...) beim Kinderarzt ist hier die regelmäßige Kontrolle beim Augenarzt sehr wichtig. Über die sinnvollen Untersuchungsintervalle informieren wir Sie gerne. Da die Untersuchungen bei Kindern häufig langwieriger sind und Ablenkung vermieden werden sollte, erfolgt ihre Untersuchung häufig in abgetrennten Räumen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Sehschule und der Augenarzt wird evt. von einer Orthopthistin unterstützt.

Worauf muß bei Kleinkindern geachtet werden?

Im Prinzip können natürlich viele der Erkrankungen, die bei Erwachsenen auftreten, hier auch vorkommen. Von besonderer Bedeutung sind jedoch Medientrübungen, d.h. Trübungen von Hornhaut und Linse, da hierdurch das Sehvermögen geschädigt werden könnte. Ein angeborener Grauer Star muß bei starker Ausprägung innerhalb der ersten Lebenswochen operiert werden. Weiterhin sollte auf den Hornhautdurchmesser geachtet werden, da hinter den “schönen großen Augen” auch ein Grüner Star versteckt sein kann. Schielen muß ausgeschlossen oder behandelt werden. Weiterhin muß auf das altersentsprechende Sehvermögen, evt. Sehfehler oder gar eine Amblyopie geachtet werden. Nach Unfällen mit möglicher Augenbeteiligung, sind die Kinder ausführlichst zu untersuchen, da leicht schwere Schäden übersehen werden, wenn sie nicht stark schmerzhaft sind.

Wie wird das Sehvermögen überprüft?

Bereits während des ersten Lebensjahres bevorzugen Kinder gemusterte Flächen gegenüber gleichmäßigen Flächen. Zeigt man einem wenige Monate alten Säugling 2 Karten, eine mit schwarzweißen Streifen und eine die nur grau ist, schaut er lieber in Richtung der gemusterten Karte. Diese Methode der bevorzugten Blickzuwendung (preferential looking) spricht Kinder im Alter von 6-16 Monaten an. Durch unterschiedlich feine Muster kann man die Sehschärfe ableiten. Ab zweieinhalb Jahren ist bei den Kindern ein Gerät sehr beliebt, bei dem man auf einen Knopf drückt, der einem Muster an der Wand entspricht. Bei richtiger Wahl ertönt eine Musik. Etwa ab dreieinhalb bis vier Jahren funktionieren schon die E-Haken  an der Wand, die deutlich präziser sind. Dies alles überprüft aber nur die Sehschärfe. Das räumliche Sehen als ein weiterer Teil des Sehvermögens wird mit 3-D- Tests wie dem Langtest überprüft. Dies gelingt ab 3 Jahre. Die weitere Diagnostik entspricht meist der Erwachsenendiagnostik.    

Wie werden Sehfehler gemessen?

Um den Sehfehler bzw. die Refraktion zu messen nimmt man im Allgemeinen ein Refraktometer. Dies lässt sich jedoch unter einem Alter von dreieinhalb Jahren selten durchführen. Der bisherige Goldstandard war daher die Skiaskopie in Zykloplegie. Aber auch hier gab es häufiger praktische Schwierigkeiten als einem lieb sein konnte. Gerade beim kleinen Kind, bei dem früh genug Sehfehler gefunden werden mussten, gelang es manchmal nicht “anständige Werte” zu erhalten bzw. die “Tropferei” war für alle Beteiligten quälend und immer mal wieder erfolglos.

Ein neues Verfahren (beidäugiger Visionscreener) ermöglicht nun eine Messung des Sehfehlers ohne die Pupille weitzutropfen auch schon bei Kindern ab 6 Monate. Ein sehr wichtiger Zeitpunkt, um gröbere Sehfehler rechtzeitig zu behandeln und der Entwicklung einer Schwachsichtigkeit vorzubeugen. Der Untersucher kann einen Meter entfernt bleiben und berührt das Kind nicht, was vor allem in der “Fremdelphase” ein deutlicher Vorteil ist. Auch eine Messung im Kinderwagen ist möglich. Der Meßvorgang dauert eine Sekunde und es werden der Pupillenabstand, der Pupillendurchmesser, kleinere Schielwinkel und der Sehfehler (die Refraktion) angezeigt. Die Auswertung muß allerdings ein Augenarzt übernehmen, da hier viele Besonderheiten zu berücksichtigen sind und der erhaltene Wert gewisse Einschränkungen hinsichtlich seiner Präzision hat. “Knopfdruck und fertig ist der Brillenwert” geht nicht.

Im Laufe des weiteren Wachstums des Kindes ist dann zwar doch die Messung in Zykloplegie d.h. mit den “fiesen brennenden Tropfen” noch notwendig aber vor allem bei familiär mit starken Sehfehlern vorbelasteten Kindern, gelingt mit dieser neuen Methode deutlich früher die Erkennung einer Behandlungsbedürftigkeit.

Was ist eine Amblyopie?

Die Amblyopie ist eine Schwachsichtigkeit bzw. vermindertes Sehvermögen obwohl das Sehsystem ansonsten intakt ist. Manchmal liegen auch kleinere Schäden vor aber das Sehvermögen ist trotzdem weitaus stärker herabgesetzt. Entstehen kann sie nur in der Kindheit, wenn das Sehen noch gelernt wird und noch nicht perfekt ausgebildet ist. Ungefähr 5-6% der Menschen sind amblyop. Mögliche Ursachen sind:

> starke nicht rechtzeitig (in der Entwicklungsphase) korrigierte Sehfehler,
> eine Trübung im Auge (z.B. ein angeborener Grauer Star),
> ein längerer Verschluß des Auges z.B. durch einen Tumor (z.B. Hämangiom) oder ein hängendes Lid (Ptosis), so daß das Auge nicht sehen lernen kann bzw. es wieder verlernt
> Schielen

Dies führt in den ersten Fällen dazu, daß in der Lernphase des Kindes kein scharfes Bild im Gehirn ankommt bzw. im Fall des Schielens dazu, daß ein Bild zur Doppelbildvermeidung im Gehirn unterdrückt wird. Wird jetzt nicht schnellstens für ein scharfes bzw. klares Bild gesorgt und die schwache Seite trainiert, bleibt diese Seite ein für alle mal schwachsichtig. Nach dem 8.-10. Lebensjahr ist hier keine Verbesserung mehr zu erzielen. Deswegen ist eine der wichtigsten Aufgaben des Augenarztes bei Kleinkindern, das rechtzeitige Erkennen einer Amblyopie und ihrer Ursachen und die schnellstmögliche Behandlung.

Wie wird die Amblyopie behandelt?

Zunächst muß durch eine passende Brille, der Sehfehler komplett ausgeglichen werden. Dann muß das Gehirn quasi “gezwungen” werden sich auch auf das vernachlässigte Auge zu konzentrieren. Dies wird erreicht, in dem das “gute Auge” stundenweise abgeklebt wird. Dies stößt bei vielen Kindern zunächst auf “wenig Begeisterung”, da sie so nicht so gut sehen können wie sonst, muß aber unbedingt “durchgezogen” werden. Mit der Zeit (Jahre) steigt dann das Sehvermögen an und bei oder kurz nach der Einschulung kann die “Abkleberei” wieder beendet werden.

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